Warum aus der Reihe tanzen gleichzeitig wieder in der hinteren Reihe sitzen sein kann

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Wir leben in einer Zeit der Selbstverwirklichung. Wir sind cool, lieben uns selbst, essen etwas Trendiges, tragen die Klamotten der aktuellen Modetrends, erstreben unsere Traumkarriere und wissen einfach alles. Wenn wir es nicht tun, gibt es sicher ein schlaues Buch, dass uns sagt, was wir wissen wollen. Es ist für alles gesorgt. Am besten ist es jedoch so authentisch wie möglich zu sein. Also sprich sich für die Authentizität abrackern, sodass sich am ganzen Körper Krämpfe bilden. Besser jedoch ist sogar noch, anders zu sein, nicht wie alle anderen. Die Besten sind auch, die aus der Reihe tanzen. Die tollsten Werbeplakate leuchten mit diesen Aussagen und überall sind glückliche und lachende Gesichter. Wir bemühen uns so sehr authentisch zu sein, sodass wir schon gar nicht mehr wissen, was es eigentlich ist. Alle sind irgendwie authentisch, bis sie sich selbst nicht mehr wiedererkennen, sondern eigentlich das wandelnde Buch sind, was sie sich einst zum Thema Selbstverwirklichung gekauft haben.

Ein neuer Trend unserer Gesellschaft, welcher uns vorschreibt wie wir wieder zu sein haben, nämlich anders, hip und immer dauergrinsend.

Ist es vielleicht angenehmer in der hinteren Reihe

Wenn Ihr mich fragt, so finde ich das total unnatürlich. Über das Dauergrinsen habe ich bereits schon mal geschrieben. Doch was ist denn nun genau dieses Anderssein? Reicht es nicht einfach man selbst zu sein und sich nicht krampfhaft anzustrengen jemand anders zu sein, jemand glücklicheres, jemand liebenswerteres? Sind wir nicht bereits liebenswert, so wie wir sind? Reicht es nicht vielleicht einfach stinklangweilig zu sein, wenn uns danach ist? Müssen wir uns ständig beweisen, dass wir anders sind, dass wir somit liebenswert sind? Sind wir tatsächlich alle anders, wenn wir alle gleichzeitig aus der Reihe tanzen? Können wir nicht liebenswert und anders sein auch wenn wir gewöhnlich und langweilig sind, weil unser Charakter nun mal einfach so ist? Ist es nicht genug? Natürlich wird es immer Menschen, die uns nicht mögen.

Muss es sein?

Müssen wir immer positiver und positiver sein, dass es uns schon erdrückt? Was allerdings total paradox ist, dass die Nachrichtenwelt uns meist nur das Negative auf den Tisch knallt, im Gegenzug dazu soll die komplette Gesellschaft sich am besten zwei Tesastreifen greifen und sich diese an den Mundwinkeln ansetzen, die Enden der Streifen etwas ziehen und an den Ohren festkleben, damit das Dauerglücklichsein bloß nicht aus unserem Gesicht verschwindet, denn Menschen, die nicht ununterbrochen lächeln, sind entweder depressiv, arrogant oder haben irgendeine neuerfundene psychische Störung.

Wir sind demnach alle gestört

Ist es denn nun tatsächlich eine Störung oder ist es das Normalste auf der Welt? Fakt ist, dass wir als krank abgestempelt werden, obwohl wir es oft gar nicht sind. Wenn wir nach der Theorie leben würden, ist die gesamte Menschheit gestört, denn im Laufe unseres Lebens erlebt der Mensch nun mal einiges und das bringt manchmal die Psyche aus dem Gleichgewicht. Und das nennt man Leben und nicht Krankheit. Das was uns suggeriert wird, ist dass das Leben in vielerlei Hinsichten eine Krankheit ist, sobald etwas außer Kontrolle gerät. Wir haben vieles in der Hand, aber nicht alles, soll heißen, dass wir nicht das gesamte Universum kontrollieren können, wenn wir nur positiv denken. Das Leben ist oft zerbrechlich und das was wir machen können ist, uns nicht sofort als Schwächlinge oder gestörte Wesen abzustempeln, sondern liebenswerte Menschen, die nun mal atmen, essen und schlafen. Auch ein etwas durcheinander geratenes System, wie die Psyche, kann dennoch für die gegebenen Verhältnisse optimal und normal sein.

Mein Tipp: Wenn Du merkst, Du hast total vergessen, was es heißt einfach zu sein, dann schau Dir die Kinder an. Sie brauchen diese ganzen Bücher nicht. Sie handeln aus ihrer Intuition heraus. Sie hören auf ihren Körper, wenn er Hunger hat, hören aber auch auf, wenn der Hunger gestillt ist. Wenn sie müde sind, schlafen sie einfach ein. Wenn sie lachen wollen, lachen sie. Und wenn sie weinen wollen, weinen sie. Du sollst jetzt nicht mitten im Büro im Meeting anfangen loszuheulen. Verstehe mich nicht falsch. Du sollst aber für Dich somit wissen, dass es normal ist und keine sogenannte Schwäche. Es ist menschlich.

Wann haben wir verlernt einfach zu sein?

Ich sage Dir wann: Ab dem Zeitpunkt, ab dem wir uns dem Optimierungswahn zugesprochen haben. Es ist auch eine Art Übertreibung, die nicht gesund ist. Es ist okay, auch wenn Du mal müde bist und dem mal nachzugeben ohne sich schlecht zu fühlen und von dem Körper etwas Unnatürliches abverlangen.

Und ich setze mich jetzt einfach mal hin und sehe dabei zu wie alle aus der Reihe tanzen.

Dieser Beitrag erschien auch bei i-blogger.de

 

 

3 Kommentare

  1. Ich stimme dir (fast) voll und ganz zu. Warum „(fast)“? Es geht um den letzten Abschnitt, darum, wie du ihn gemeint hast. Falls du ihn folgendermaßen gemeint haben solltest (was mich ein wenig — aber auch nicht mehr — überraschen würde), dann entfiele „fast“:
    Du schreibst: „Wann haben wir verlernt einfach zu sein?
    Ich sage Dir wann: Ab dem Zeitpunkt, ab dem wir uns dem Optimierungswahn zugesprochen haben.“
    Und wann ist dieser Zeitpunkt normalerweise? Ich sage dir, wann: dann, wenn das Kind aufhört, sich gegen die (strukturelle) Gewalt der Eltern oder des primären sozialen Bezugsmilieus zu wehren, also wo „die Trotzphase“ vorbei ist, im Alter von 3 bis 4 Jahren. Warum „die Trotzphase“ in Anführungsstrichen? Weil „die Trotzphase“ keine anthropologische Konstante ist, also nicht in allen Kulturen/Völkern/Stämmen aufgetreten ist resp. auftritt. Diese (strukturelle) Gewalt kommt in Form von Erziehung(sarbeit statt Beziehungsarbeit) daher. Erziehung ist nichts anderes als: Optimierungswahn! „Das Kind/Baby“ (man achte schon auf diese objektifizierende Bezeichnung für junge Menschen, also für Jungen und Mädchen) wird als minderwertiges Material angesehen, das erst durch den höherwertigen Erwachsenen veredelt/optimiert werden müsste. Das heißt, man vertraut nicht darauf, dass der (junge) Mensch von Natur aus „gut“ ist, sondern das Gegenteil. (Das offenbart auch das evtl. verborgene/unbewusste Selbst- und Menschenbild des „Erziehenden“.) Und daher gilt es für ihn, den kindlichen Widerstand gegen diese (strukturelle) Gewalt zu brechen, zu überwinden, zu ignorieren (was wiederum Gewalt ist: Gewalt = Missachtung von (natürlichen) Bedürfnissen). All die unnatürlichen, kompensationsbasierten „Bedürfnisse“, Wünsche, Sehnsüchte, die wir in der Zivilisation haben, sind Ausdruck dieser Verletzungen, Wunden, Löcher in der (nachhol)bedürftigen Seele, die gestopft werden sollen, aber leider wird Heilung dadurch meist nicht erlangt. Zulassen von Gefühlen/Gedanken und Sich-darüber-Bewusstwerden ist der Weg zur Heilung.

  2. Du hast unbedingt recht mit dem, was du schreibst. Was mich in dem Zusammenhang auch immer nervt, ist dieses verkrampfte Festhalten an Behauptungen der Sorte „ich interessier mich nicht dafür, was andere von mir denken, ich bin anders, ich bin wie ich bin und stehe immer über der Meinung anderer“.
    Ich muß weder dauernd betonen wie individuell und authentisch ich doch bin noch muß ich permanent so tun als sei mir alles gleichgültig, was andere denken 😉

    Beste Grüße aus Essen ?
    Bettina

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