Interview mit Michael Blume

Copyright: Buchcover „Islam in der Krise“

Leidenschaft und der eigene Weg dahin kann sich im Laufe des Lebens entwickeln. Auch zählen die Erfahrungen, die erst den Weg wertvoll machen. Michael Blume beantwortet mir im Interview interessante Fragen, deren Antworten mir wieder mal vor Augen führen, dass Menschen mit einem schweren Weg die Dankbarkeit und Ruhe erst durch diesen erlangen.

Du strahlst so viel Ruhe, Freude, Zufriedenheit und innere Ausgeglichenheit aus. Kannst Du etwas über dich erzählen und wie du dir diese Eigenschaften angeeignet hast?

Wenn Du das so empfindest – vielen Dank! Biographisch gesehen habe ich einige sehr heftige Lebenssituationen überstanden: Eine lebensbedrohliche Krankheit als Kind, eine Sinnkrise als Jugendlicher, dann den Beinahe-Verlust meiner Arbeitsstelle aufgrund einer Intrige (über die SPIEGEL ONLINE später berichtet hat), den glücklich überstandenen Unfall eines Sohnes und zuletzt die Arbeit im Irak. Dort haben wir 1.100 Frauen und Kinder evakuiert, die Opfer des so genannten „Islamischen Staates“ gewesen sind und furchtbarste Dinge erlebt haben. Ihnen gemeinsam mit einem selbst ausgesuchten Team zu helfen war das vielleicht härteste, aber auch sinnvollste Jahr meines Lebens. In dem Moment war das jemals schwer, doch im Nachhinein hat mich jede dieser Erfahrungen auch stärker und vor allem dankbarer gemacht. Glück ist so selten, kostbar und zerbrechlich, dass wir es nicht verschmähen sollten!
Ich bin Gott einfach unendlich dankbar für ein erfülltes Leben mit einer wundervollen Familie, für einen immer wieder faszinierenden Beruf mit großartigen Kolleginnen und Kollegen und nicht zuletzt für die Möglichkeiten, in Freiheit Wissenschaft betreiben, bei den scilogs bloggen und Bücher schreiben zu können. Und ich denke oft, dass wir uns gerade in den reicheren Ländern oft zu wenig über das Erreichte freuen. Meine Eltern kamen selbst fast ohne Besitz und ohne akademischen Abschluss aus der ehemaligen DDR hierher und es war dann doch so viel möglich! Es freut mich, dass Du mir diese Dankbarkeit angemerkt hast.

Wie kam es dazu, dass du Religionswissenschaften studiert hast? Was waren die ausschlaggebenden Kriterien für dich?

Als Jugendgemeinderat in meiner Heimatstadt Filderstadt rutschte ich in eine Vermittlerrolle zwischen jungen Muslimen, der Stadt und den Kirchen. Dabei war ich doch selbst noch nicht einmal Christ! Aber im Brückenbauen zwischen diesen Milieus habe ich dann immer mehr über Religionen gelernt und nachgedacht. Ich begann selbst zu beten und bin schließlich als junger Erwachsener per Taufe evangelischer Christ in der württembergischen Landeskirche geworden. Gleichzeitig hatte ich im Ethikunterricht aber auch eine Muslimin und ihren Glauben kennengelernt. Bei meiner Taufe war sie bereits als meine Verlobte dabei.
Zunächst habe ich noch ganz vernünftig eine Banklehre absolviert und durfte nach einer Auszeichnung sogar ein Studium der Volkswirtschaft dranhängen. Doch an den damals auch in Tübingen gelehrten „Homo oeconomicus“ konnte und wollte ich nicht glauben – weder aus religiöser noch aus naturwissenschaftlicher Perspektive. Also habe ich damals allen Mut zusammengenommen und bin aus der vermeintlich „sicheren“ Banklaufbahn in die vermeintlich „unsichere“ Religions- und Politikwissenschaft gewechselt. Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens, ich blühte praktisch sofort auf, konnte das Studium sogar verkürzen und danach promovieren. Ich bin meiner Frau bis heute dankbar, dass sie das mitgetragen hat, obwohl wir damals schlicht und ergreifend arm waren. Was wir inzwischen erreicht haben, haben wir gemeinsam erreicht.

Deine Frau ist Muslima und du bist gläubiger Christ. Eine Konstellation, die immer mehr Zuspruch findet. Wie empfindest du diese Wandlung innerhalb der Gesellschaft? Bist du der Meinung eure Ehe ist größeren Bürden ausgesetzt als Paare mit gleichem Glauben? Stößt ihr auf Widerstand und Irritation? Wenn ja, wie geht ihr damit um und wo hat der Widerstand seinen Ursprung?

Ich denke schon, dass interreligiöse Ehen besonderen Herausforderungen ausgesetzt sein können, die aber auch wiederum Chancen bedeuten können. Dass eine Muslimin einen christlichen Mann heiratet, sorgte vor 20 Jahren noch für ziemlich Aufsehen. Klar gab es Leute auf beiden Seiten, auch Verwandte, die aus religiösen und rassistischen Gründen dagegen waren. Aber wir haben uns nicht aufhalten lassen, die meisten haben zu uns gehalten und wir haben unsere Ehe einmal im Rahmen eines christlichen Gottesdienstes und einmal zuhause mit einem DITIB-Imam, die damals oft sehr fortschrittlich waren, feiern und segnen können.
Wir empfehlen religionsverbindenden Paaren immer, den intensiven Dialog zu suchen, solange der Himmel noch voller Geigen hängt. Auch wenn man nicht besonders religiös ist, ist das eine gute Chance, für die wirklich wichtigen Lebensentscheidungen gemeinsame Wege zu finden. Was bedeuten Dir Liebe, Glaube und Hoffnung? Wie halten wir es mit den Feiertagen, mit Schweinefleisch, Alkohol und dem Opfern von Tieren? Wollen wir Kinder und wie wollen wir sie nennen und erziehen? Wenn einer von uns sterben wird, wie und wo würden wir uns die Bestattung wünschen? Wie halten wir es mit dem Beten? Es tut einem verliebten Paar sehr gut, solche Fragen frühzeitig zu klären und sich damit auch vorzubereiten auf die Umbrüche und Krisen, die auch zum Leben gehören. Dieser „Dialog am Anfang“ hat unsere Liebe und Beziehung auch vertieft.
Michael Blume mit seiner Frau Zehra Blume (Copyright: M. Blume)
Und das Lernen ist dabei durchaus beidseitig. Zehra gefallen moderne, christliche Gottesdienste mit Gospelmusik und die kirchliche Kinder- und Jugendarbeit zum Beispiel sehr. Und ich habe viel von der islamischen Sexualethik gelernt. Denn wie im Judentum auch gelten im Islam Körperlichkeit, Liebe und das Hervorbringen von Leben innerhalb einer Ehe als etwas grundsätzlich Gutes, Gesegnetes, von beiden zu Genießendes. Da ich als jugendlicher Nerd ein gespanntes Verhältnis zu meinem Körper hatte und die christliche Sexualethik leider immer noch recht verdruckst und verworren ist, habe ich da im Dialog viel gelernt. Und würde mir wünschen, dass die Kirchen in Fragen der Liebe, Sexualität und Wertschätzung von Familien mehr von Judentum und Islam lernen und dadurch manche historisch bedingten Komplexe überwinden würden. Solche halben Tabuthemen gibt es eben nicht nur im Islam…

Dein Buch „Islam ist in der Krise“ ist vor Kurzem auf dem Markt erschienen und es ist auch schnell auf Platz 15. der Spiegel-Besteller gelandet. Wie gehst du mit den Schlagzeilen um und wie nimmst du diese Resonanz wahr? Hättest du damit gerechnet?

 Nun, ich habe ja schon einige religionswissenschaftliche Bücher geschrieben, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Der Erfolg von „Islam in der Krise“ hat den Verlag und mich überrascht und zeitweise auch überrollt. Obwohl die erste Auflage ganz gut bemessen war, waren wir zeitweise ausverkauft und sind dadurch wieder aus der Bestsellerliste gefallen. Klar ärgert man sich erstmal darüber – aber ich habe mich dann doch daran erinnert, dass das eigentlich ein totales Luxusproblem ist und ich einfach dankbar für jede Leserin und jeden Leser sein sollte. Und auch tatsächlich bin.
Inzwischen ist die zweite Auflage erhältlich und die dritte bereits im Druck. Dabei ist noch gar keine Rezension in einem gedruckten Medium erschienen! Aber ich freue mich sehr über viele Rückmeldungen über Blogs, Twitter und Facebook und gebe auch gerne Lesungen. Denn als Autor interessieren mich die Rückmeldungen und auch Fragen und Ideen meiner Leserinnen und Leser sehr. Du bist ja auch Bloggerin und ich vermute, dass Du die Freude am Dialog mit wirklich interessierten Menschen ebenso kennst.

Wie sind die Reaktionen seitens der nichtmuslimischen Community und auch der muslimischen?

Eine wachsende Zahl von Nichtmuslimen hat ja selber Kontakt zu Musliminnen und Muslimen – und weiß also, dass da nur eine Minderheit radikal ist, sondern es von friedlichen Frommen bis zu erklärten Ex-Muslimen eine große Bandbreite gibt. Da bekomme ich sehr schöne Rückmeldungen, dass endlich dieser „Islamisierungsmythos“ aufgebrochen wird, den ja vor allem Rechtspopulisten immer stärker verbreitet haben. Am meisten Gegenwind kommt von AfD-Anhängern, weil ich ihr Lieblings-Feindbild in Frage stelle.
Noch glücklicher bin ich aber über die starken Reaktionen von Musliminnen und Muslimen selbst! Es hat durchaus Stimmen gegeben, die mich davor gewarnt haben, dass Muslime doch mit der Diagnose einer „Krise“ so „gar nicht umgehen könnten“, feindselig reagieren würden. Stattdessen bin ich schon für nächste Woche in eine Stuttgarter Moschee eingeladen worden und am Samstag darauf zu einer Fachtagung eines bundesweiten Moscheeverbandes! Auch im Netz äußern sich viele muslimische, fromme wie auch ex-muslimische Leserinnen und Leser dankbar bis begeistert – denn natürlich sehen und erleben sie doch täglich selbst, wie es um den Islam eigentlich steht! Manchmal spüre ich eine gewisse Erleichterung, dass es endlich ausgesprochen wurde und zugleich wird anerkannt, dass ich die Religion des Islam nicht herabwürdige, sondern respektiere. Wie es dieser Weltreligion geht und wohin sie sich entwickelt, das entscheidet schließlich über das Schicksal der gesamten Menschheit und aller Religionen mit!

Ich möchte gerne auf das Zitat […]Der Islam wird zu einer bloßen Bekenntnisreligion – und häufig zu einer Lippenbekenntnisreligion[…] aus deinem Buch aufmerksam machen. Dabei ist ersichtlich geworden, dass die Mehrheit der Muslime dem Pflichtgebet nicht nachgehe und somit das Fazit, dass es sich nur um Lippenbekenntnis handle. Das Gebet ist die zweite Säule des Islam, jedoch beruht das Praktizieren ebenfalls auf vielen anderen Bausteinen, wie auch z. B. ein edler Charakter. Das ist auch eine Auslebung des Glaubens und würde somit die Annahme, dass es sich nur um Lippenbekenntnis handelt in den Schatten stellen. Wie siehst du das?

Das sehe ich ganz ähnlich! Ich kritisiere ja schon im ersten Kapitel, dass unsere Statistiken bei Muslimen seltsame Kriterien wie die Herkunft oder die Gebetshäufigkeit dafür verwenden, Menschen als Muslime zu definieren. Ist etwa jeder Sachse ein Christ, der Weihnachten feiert? Meines Erachtens sollte sich der Staat darauf beschränken, festzustellen, wer sich freiwillig einer Religionsgemeinschaft angeschlossen hat und dort Beiträge bezahlt. Der Rest ist eine ganz persönliche Sache zwischen dem Menschen und Gott und sollte gerne auch wissenschaftlich erforscht werden, hat aber in staatlichen Statistiken nichts zu suchen. Auch im Islam kennen wir ja Überlieferungen, nach denen Gott beispielsweise eine heimliche Spende viel höher gewichten kann als ein demonstrativ vorgeführtes Gebet. Weder fowid noch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) oder gar das Bundesinnenministerium haben zu definieren, wer „wirklich“ Christ, Muslim oder nichtreligiös ist.
Noch schlimmer ist aber natürlich, dass es in vielen islamisch geprägten Staaten und auch in manchen Familien immer noch mit Strafen bis hin zur Gewalt verbunden ist, wenn sich Menschen vom Islam abkehren. Daraus entsteht dann das, was ich „Lippenbekenntnisreligion“ genannt habe – die Leute bekennen sich nur noch mit den Lippen, obwohl ihr Herz ganz woanders ist. Echte Religiosität und Spiritualität gedeihen aber nicht unter Zwang. Dieser bringt nur Heuchelei hervor, die letztlich Gewissen, Leben und Glauben der Menschen vergiften.

Da nun dein Buch ein voller Erfolg ist und du auch Spaß daran hast zu schreiben, ziehst du es in Erwägung weitere Bücher zu schreiben? Welche Themengebiete würden da für dich in Frage kommen?

Sehr viele Leserinnen und Leser regen an, ich sollte nach dem Vorbild von „Islam in der Krise“ einmal die ganzen Weltreligionen vergleichend beschreiben. Mich persönlich bewegen vor allem Forschungsfragen rund um das menschliche Bedürfnis nach Sinn. Da entsteht schon einiges in meinem Kopf. Aber ich werde in den kommenden Monaten erst einmal die ermutigenden wie auch die kritischen Rückmeldungen der Leserinnen und Leser ernstnehmen und dann erst das nächste Buchprojekt eröffnen.

Was würdest du gerne den Lesern gerne mit auf den Weg geben?

Mir ist bewusst, dass es immer auch weh tut, wenn eigene Annahmen hinterfragt werden. Und genau das muss Wissenschaft immer wieder tun, wenn sie eine Reise zu neuen und tieferen Erkenntnissen bleiben will. Ich möchte meinen Leserinnen und Lesern – ob religiös oder nicht, ob muslimisch, christlich, andersgläubig oder konfessionslos – daher für ihren Mut danken, mit mir ein Stück Weg auf dieser Reise zu gehen, sogar andere mitzunehmen. Das ist nicht selbstverständlich.

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