Interview mit Ismail Kayapinar von Ikdrawingz

Blogs gibt es wie Sand am Meer. Doch es heißt noch lange nicht, dass man etwas Qualitatives abliefert, wenn man einen Blog hat. Es erfordert auch viel Investition an Zeit, Geduld und vor allem Fleiß und Talent. Ein Blog hält nicht lange, wenn keine Leidenschaft dahintersteckt. Ismail Kayapinar kann ich als einen Blogjunkie bezeichnen. Das Internet ist voll von Ismail’s Spuren und das ist auch gut so. Ich kann mit ruhigem Gewissen sagen, dass Ismail’s Blog Ikdrwaingz eins der besten Blogs ist, das ich in meiner Bloggerzeit lesen durfte. Ein guter Grund, um mit Ismail ein Interview zu führen.

Könntest Du Dich kurz vorstellen? Wo kommst Du ursprünglich her? Gibt es eine Geschichte zu Deinem Herkunftsland (Stadt), die Dich bewegt? Oder besondere persönliche Erlebnisse, die Dich geprägt haben? Was magst Du an Deiner Kultur besonders?

Klar! Ich bin Ismail K. und bin 22 Jahre alt. Meine Eltern sind aus der Türkei. 1971 kam mein Großvater nach Deutschland, dann irgendwann seine Kinder. Mein Vater heiratete meine Mutter und so kam auch sie hierher. 1993 wurde ich dann geboren in Ostfildern, das ist in der Nähe von Stuttgart. Kayseri ist die Heimatstadt meiner Eltern. Als ich jünger war, waren wir jedes Jahr dort. Jetzt leider nur sporadisch. Es ist eine mittlerweile doch relativ moderne Stadt im Herzen Anatoliens. Sie liegt am Fuße des ruhenden Vulkans Erciyes, welches auch ein Wahrzeichen von Kayseri ist. Selbst im Sommer liegt Schnee auf der Spitze, den man mit Leichtigkeit von der Stadt aus sieht. Im Winter prima geeignet fürs Skifahren. Sicherlich kennt man die Stadt auch als Heimat für Sucuk – die Knoblauchwurst oder Pastirma – dem gepressten Rinder-Dörrfleisch oder wiederum Manti – türkische Tortellini. Esse ich auch alles sehr gerne! Ich mag vieles an meiner Kultur, aber das Beste an ihr ist sicherlich die Vielfalt und die Überschneidungen mit angrenzenden Kulturen. Damit meine ich jetzt nicht nur Kayseri, sondern ganz Anatolien und wenn man es so will, auch den ganzen Orient.

Wann hast Du gemerkt, dass Du es liebst zu schreiben?

Ich habe schon von klein auf Bilder gezeichnet. Immer wieder gerne mit Inhalten. Nun mit Schreiben hatte ich eigentlich nichts am Hut, denn ich hasste nahezu alles am Fach Deutsch. Diktate, Aufsätze, Interpretationen. Aber Fantasiegeschichten schreiben, das tat ich gerne. Kreatives Schreiben, etwas selbst zu kreieren – das habe ich unheimlich gerne gemacht. Naja, als ich im Abitur dann irgendwann Kafka begegnet bin, war es aus und vorbei. Ich habe mich in diesen Schreibstil verliebt – sein Roman Der Proceß ging mir lange Zeit nicht aus dem Kopf. Alleine schon, dass er unvollständig und dennoch das meist interpretierteste Buch seit jeher ist, war einfach nur unglaublich für mich. Von 2011 bis 2014 habe ich mich immer wieder an Kurzgeschichten versucht, weil ich für längere Schriftstücke keine Geduld hatte. Auch beim Zeichnen war es immer so gewesen. Doch in dieser Zeit habe ich mich dann auch eher dem Zeichnen gewidmet – ich habe eine Menge Bilder von damals übrig. 2015 habe ich dann beschlossen alle drei Kafkaromane – den Proceß nochmal – zu lesen und habe damit begann das konstante Schreiben. Bald schon so leidenschaftlich, dass ich das Zeichnen völlig vernachlässigte.

Was hat Dich dazu bewegt ein Blog zu launchen?

Wenig später wollte ich ein Archiv, wo ich meine Texte speichern konnte und ich wollte auch, dass irgendjemand die Dinger liest. Leicht erreichbar und öffentlich ist da so ein Blog, als dynamische, sich weiterentwickelnde Webseite. Mit der Zeit wurde der Blog immer öffentlicher und ich investierte Kraft ins Werben. Anfangs war ich relativ erfolglos, da lasen ihn auch nur Leute, die ich kannte. Doch ich war konstant im Tun und fleißig in der Werbung. Da ist schon mal das eine oder andere Wochenende „flöten gegangen“. Ein Buch war von Anfang an in Planung, ja. Daraufhin hat sich dann alles langsam ausgerichtet. Ich dachte aber nicht, dass ich bereits nach einem Jahr, das Buch fertig und veröffentlichungsbereit haben würde!

Wovon lässt Du Dich inspirieren, wenn Du schreibst?

Das klingt jetzt plump, aber ich würde sagen, „von allem Möglichen“. Ich bin nämlich viel im öffentlichen Verkehr unterwegs. Dialoge, Ereignisse, Dinge die ich sehe sind dabei oft die Grundlage oder ein Gedankenanstoß für eine Kurzgeschichte. Es passiert etwas, ich erfinde etwas dazu oder vermische es mit etwas Anderem und salze es mit Weisheit. Wenn nicht Weisheit, dann mindestens mit einer Moral.

Ist es bei Dir so, dass Dir etwas in den Sinn kommt (Blogthema oder sogar ein ganzer Text) und Du es sofort notieren musst? Was machst Du, wenn Du gerade nichts zur Hand hast, um es festzuhalten?

Ja leider! Zum Beispiel fällt einem Etwas beim Duschen ein oder wenn man gerade sein Handy nicht zur Hand hat. Dann versuche ich den Gedanken in mein Hirn zu brennen. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Aber es ist schon so viel verloren gegangen, wenn ich das Notieren auf später verschoben habe. Leider! Da waren echt schöne komplexe Sachverhalte dabei, die ich auf Papier bringen wollte. Schade für meine Leser eigentlich. Aber wer weiß, vielleicht fallen sie mir irgendwann wieder ein?

Du hast von einem Buch erzählt. Ist es Dein erstes Buch? Wie ist die Idee entstanden ein Buch zu schreiben?

Ja, das ist mein erstes Buch. Ich hatte schon einmal ein Buch in Planung und habe geschrieben und geschrieben – das Ding war halbfertig, aber ist mir dann irgendwie auseinandergelaufen. Ich konnte die gesamte Handlung nicht mehr beherrschen. Also habe ich es aufgegeben. Kurz darauf habe ich eine völlig andere Kurzgeschichte entdeckt, die schon in meinem Blog veröffentlicht war. Ich habe mir gedacht, ich schreibe einfach mal daran weiter. Das Ganze hat sich dann auf natürliche Art und Weise zu einem Buch entwickelt, immer ist mir etwas Neues eingefallen. Was lernen wir daraus? Niemals etwas erzwingen!

Wie lange brauchtest Du dafür?

Ich muss ehrlich zugeben, etwa ein halbes Jahr. Also für ein Buch ist das wenig, denke ich. Ich habe davor noch keines geschrieben, deshalb kann ich das nicht messen. Aber ich war wirklich täglich dran. Der Großteil ist in Bussen und Bahnen entstanden. Es waren anfangs zwei Stunden täglich und dann lief es mehr auf drei bis vier hinaus. Wenn man dann nochmal alles überprüft, kann man schon mal sechs bis acht Stunden am Stück daran schreiben. Irgendwann hasst man die Geschichte, aber Abstand konnte ich nicht nehmen. Gut war, wenn ich mal zwischen meinem Studienort und dem Elternhaus gependelt habe – da hatte ich auch gute drei Stunden.

Kannst Du kurz beschreiben was die Handlung ist?

Es geht um Siyah, der sich selbst als Lebenskünstler sieht. Er leidet an chronischen Kopfschmerzen und kann seine Gefühle gegenüber seinem Traummädchen nicht gestehen. Es geht um seine Erlebnisse. Er lebt nämlich in zwei verschiedenen Welten. Einmal ist es die Realität, die als schwarze Welt bekannt ist und einmal die weiße Welt, die möglicherweise seine Träume – oder aber auch mehr – darstellen. Das muss der Leser für sich ergründen. Jedenfalls begegnet der Siyah, der übrigens Kunst studiert, sowohl in der schwarzen, als auch in der weißen Welt, verschiedenen Figuren, die Einfluss auf ihn nehmen oder es zumindest versuchen. Aber ich glaube, ich habe schon zu viel verraten.

Was möchtest Du mit dem Buch an Deine Leserschaft vermitteln?

Das kann ich jetzt so direkt nicht sagen – ein Komiker erklärt seine Witze ja auch nicht. Es geht jedenfalls um viele Dinge unter denen Liebe, Glaube, Philosophie und weitere kleine gesellschaftlichen Themen dabei sind. Wenn ich etwas schreibe, versuche ich das stets parallel auf mehreren Ebenen zu tun. Meine Intention und meine Aussagen sind also vielschichtig. Insgesamt wählt also jeder Leser unterbewusst selbst sofort eine Interpretationsrichtung. Der eine sieht das bloße Ereignis und dieses stellt für ihn eine Spannung dar, der andere sieht die Metaphysik und fokussiert sich auf wiederum darauf. Aber selbst wenn der Leser sich für Interpretationsrichtung geeinigt hat, widersprechen kleine Nebeninterpretationen dieser ganz gewiss nicht.

Möchtest Du evtl. unseren Lesern etwas mit auf ihren Weg geben?

Sie sollen lesen und selbst schreiben oder etwas Anderes tun. Hauptsache sich selbst entfalten und langsam für sich entdecken, wo sie hinmöchten. Wenn sie es herausgefunden haben, oder kurz davor sind, einfach machen. Ja, das klingt sowas von typisch, dieses „einfach machen“. Aber es ist nun mal wichtig. Egal was es ist; welches Projekt, welches Hobby, welches Vorhaben – einfach machen. Manchmal standhaft und geduldig sein und dem Schicksal vertrauen. Wenn man ein Ziel hat, Teilziele erstellen und Schritt für Schritt erreichen. Wenn man ein Problem, in Teilprobleme zerteilen – so macht man das auch in der Informatik aus der ich übrigens komme – und dann lösen. Sie sollen nicht immer versuchen Recht zu haben, Kritik zu ertragen, Neues lernen, Zuhören um zuzuhören und nicht um zu antworten. Sie sollen stets unzufrieden sein und weitermachen.Sie sollen schnell vergeben und vergessen, positiv zu bleiben, hinterfragen, hinterfragt werden und auch sich selbst hinterfragen. Sie sollen Entscheidungen zwischen Herz und Verstand immer ordentlich abwägen, doch stets zum Herzen tendieren.
 Vielen Dank Ismail.
Dieser Beitrag erschien auch bei i-blogger.de

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